
Viele Menschen versuchen bei psychischen Problemen Lösungen zu finden und benutzen dafür immer häufiger KI wie ChatGPT oder Claude. Sie stellen Fragen zu ihren Problemen und erhoffen sich dadurch Antworten und Lösungen.
Abgesehen davon, dass eine KI keine Gefühle hat und nicht am Klang einer Stimme wahrnehmen kann, wie ein Mensch sich tatsächlich fühlt, findet der Austausch mit einer KI vor allem auf einer kognitiven und sprachlichen Ebene statt.
Unser kognitives Denken ist wichtig. Es hilft uns, Sachverhalte zu ordnen, Zusammenhänge zu verstehen und neue Informationen aufzunehmen. Es bildet eine wichtige Verbindung zwischen unserem bewussten Denken und anderen Bereichen unseres Erlebens. Aber der Mensch ist mehr als seine Kognition. Und gerade bei psychischen Problemen hat die Kognition häufig eine viel geringere Bedeutung, als wir glauben.
Im Focusing gibt es ein Modell, mit dem beschrieben wird, wie menschliches Erleben stattfindet. Dabei lassen sich verschiedene Modalitäten unterscheiden: Kognition, Emotion, Körperempfinden und Imagination also die bildhafte Vorstellung eines Erlebens. Diese Modalitäten sind aber nicht voneinander getrennt. Sie stehen miteinander in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig. Eine Erfahrung kann gleichzeitig Gedanken, Gefühle, körperliche Empfindungen und innere Bilder enthalten.
Der entscheidende Punkt ist nun: Lösungen entstehen so gut wie nie aus nur einer Modalität – und schon gar nicht, wenn es sich um psychische Probleme handelt.
Ein großer Teil psychischer Probleme entsteht oder wird aufrechterhalten, wenn wir ausschließlich nach unserem Denken handeln und dabei unsere Emotionen und unser Körperempfinden ignorieren.
Sie kennen vielleicht das Gefühl: Eine Entscheidung ist logisch richtig, aber sie fühlt sich trotzdem nicht gut an. Fast jeder kennt diese Situation. Wir denken über etwas nach. Wir analysieren. Wir suchen nach Gründen. Wir bekommen neue Informationen. Wir betrachten das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln. Und trotzdem kommen wir nicht zu einem Ergebnis, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Warum ist das so?
Weil wir innerhalb unserer einzelnen Modalitäten immer wieder auf dieselben Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zurückgreifen. Wir denken auf die gleiche Weise über ein Problem nach, bewerten es auf die gleiche Weise und reagieren schließlich auch auf die gleiche Weise. Dadurch drehen wir uns im Kreis.
Mehr Denken führt dann nicht unbedingt zu einer Lösung. Es kann sogar dazu führen, dass wir uns immer tiefer in unserem bisherigen Muster bewegen.
Um dieser Strukturgebundenheit zu entkommen, müssen wir bei einem Problem manchmal einen Schritt zurücktreten und die Perspektive verändern.
Wenn wir eine andere Modalität einbeziehen, kann sich eine neue Perspektive eröffnen. Über das Körperempfinden kann beispielsweise etwas auftauchen, das wir bisher gedanklich nicht berücksichtigt haben. Eine Emotion kann uns zeigen, welche Bedeutung eine Situation tatsächlich für uns hat. Ein inneres Bild kann etwas ausdrücken, für das uns bisher die Worte fehlen.
Dabei geht es nicht darum, das Denken abzuschalten. Die verschiedenen Modalitäten können miteinander in Kontakt kommen. Gerade daraus kann etwas Neues entstehen.
Im Focusing wird dieser Prozess besonders deutlich. Ein sogenannter Felt Sense bezeichnet dabei nicht einfach ein körperliches Gefühl wie Anspannung oder Druck. Gemeint ist ein zunächst oft noch unklarer, körperlich gespürter Gesamteindruck einer Situation oder eines Problems. Man weiß noch nicht genau, was dieser Eindruck bedeutet, aber man spürt, dass darin etwas enthalten ist.
Wenn man bei diesem Erleben bleibt, ohne es sofort zu erklären oder zu bewerten, kann sich eine neue Bedeutung entwickeln. Ein Wort, ein Satz oder ein inneres Bild kann plötzlich genau passen. Und wenn etwas wirklich passt, verändert sich häufig auch das körperliche Erleben. Eugen Gendlin bezeichnet eine solche Veränderung als Felt Shift.
Das Entscheidende daran ist: Es wurde nicht einfach eine neue Information gefunden. Das Erleben der Situation hat sich verändert.
Und genau hier liegt eine wesentliche Grenze von KI.
Eine KI kann uns Fragen zu unserem Körperempfinden stellen. Sie kann uns auffordern, unsere Gefühle zu beschreiben. Sie kann erklären, was ein Felt Sense ist, und sie kann sogar sehr gute Fragen formulieren, die uns helfen, unser eigenes Erleben genauer wahrzunehmen.
Aber die KI selbst hat keinen Körper. Sie hat kein eigenes Körperempfinden. Sie fühlt keine Angst, keine Trauer, keine Scham und keine Erleichterung. Sie hat keine eigene Imagination und kein persönliches Erleben einer Situation.
Sie kann über diese Dinge sprechen, aber sie erlebt sie nicht.
Und das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn eine KI verarbeitet das, was wir über unser Erleben sagen können. Der Mensch selbst erlebt aber mehr, als er sagen kann.
Gerade das ist für psychische Probleme von großer Bedeutung.
Wenn wir nur das bearbeiten, was wir bereits in Worte fassen und gedanklich verstehen können, bleiben wir möglicherweise innerhalb unserer bisherigen Struktur.
Es ist dann so, als würden Sie immer wieder versuchen, mit dem Kopf gegen eine Wand zu rennen, um in das nächstgelegene Zimmer zu gelangen.
Sie analysieren die Wand. Sie versuchen herauszufinden, warum sie dort steht. Sie suchen nach Informationen darüber, wie man eine Wand überwinden kann. Vielleicht fragen Sie sogar eine KI danach.
Aber weil Sie immer nur auf die Wand starren, bemerken Sie gar nicht, dass sich direkt neben Ihnen eine Tür befindet.
Hinter dieser Tür gibt es einen Gang, über den Sie ohne weiteres in das gewünschte Zimmer gelangen können.
Der entscheidende Schritt besteht also nicht immer darin, mehr über die Wand zu erfahren. Manchmal besteht er darin, überhaupt wahrzunehmen, dass es noch einen anderen Zugang gibt.
Und genau diese Verbindung zwischen den verschiedenen Modalitäten des menschlichen Erlebens kann eine KI nicht für uns herstellen.
Sie kann uns Informationen geben.
Sie kann uns zum Nachdenken bringen.
Sie kann uns helfen, unsere Gedanken zu sortieren.
Aber sie hat selbst keinen Körper, keine Emotionen und kein eigenes Erleben, aus dem heraus sie mit unserem Erleben in Beziehung treten könnte.
Deshalb kann KI bei psychischen Problemen durchaus eine Unterstützung sein.
Aber sie kann nicht das ersetzen, was psychische Veränderung letztlich ausmacht: den Zugang zum eigenen Erleben und die Möglichkeit, dass sich dieses Erleben verändert.


